Die Kunst zu gewinnen - Moneyball
Underworld Awakening
Dame, König, As, Spion
Zettl
Die Summe meiner einzelnen Teile

Film-Festival

Franks Flimmer-Fest: Tag 4

fs @ Montag, 29.09.2008

Unter dieser Rubrik berichte ich Euch täglich vom Filmfest Hamburg, das vom 25.09. bis zum 02.10. läuft. Vor Ort und mitten im Geschehen erfahrt Ihr hier alles, was so passiert und mir so auffällt: Der Sonntag.

filmfest1.jpg

Unter dieser Rubrik berichte ich Euch täglich vom Filmfest Hamburg, das vom 25.09. bis zum 02.10. läuft. Vor Ort und mitten im Geschehen erfahrt Ihr hier alles, was so passiert und mir so auffällt: Der Sonntag.

So langsam stellt sich Festival-Feeling ein: Vom Wetter und allem anderen bekommt man nur sporadisch mit. Bayern hat gewählt? Bundesliga? Borat in Mailand? Hätte ich nicht meinen hilfreichen Engel zuhause, ich litte an komplettem Realitätsverlust. Aber Spaß macht es trotzdem.

cinetrend-komentar_v2.jpg


Viel Star-Gossip gibt's heute nicht: Nur der Hamburger Tatort mit neuem Ermittler-Duo soll erwähnt werden. Kino proppevoll und für die Hamburger Deerns und Jungs ganz klar ein Festival-Highlight, sozusagen Weltpremiere. Zum Film später mehr. Ist doch klar, dass das Heimspiel ein Erfolg war und die Zuschauer auch sich selbst und ihre Stadt gefeiert haben. Die Crew und die Schauspieler gaben sich im Anschluss jedenfalls zugänglich und unaufgeregt.

Aber nun zum Wesentlichen: meine Filme vom Sonntag. Und der Hinweis (hätte ich vielleicht schon früher machen müssen), dass ich ja meistens Pressevorführungen besuche und fast alle Filme mehrfach laufen. Die Chance, die Anregungen in einen Kinobesuch umzusetzen, besteht also.

"Sunshine Cleaning" eröffnete meinen Filmtag, da ich morgens um 10 Uhr noch nicht in der Lage war, mir ein Drama über afrikanische Kindersoldaten anzuschauen ("Johnny Mad Dog"). Die schwarzhumorige, amerikanische Komödie hat richtig Laune gemacht. CSI war gestern, heute ist "Sunshine Cleaning"! Die Schwestern steigen aus sozialer Not in ein schräges Geschäft ein: Das Säubern von Tatorten, nachdem alle Beweise aufgenommen sind und die Polizei abgerückt ist. Tolle Schauspieler, tolle Story und skurille Neben-Charaktere. Geht mich ja nichts an, aber das hat Serienpotential -"Six Feet Under" lässt grüßen. Ein echter Gewinner (8/10).

Dann folgte mein erster Besuch beim "Michel"-Kinderfilmfest und eine Lektion in Demut. Denn zusätzlich zu der brasilianischen Originalversion und den englischen Untertiteln gab es zum besseren Verständnis eine deutsche Einsprechung, d.h. jemand sitzt live im Kino und übersetzt das Gesagte oder die Untertitel. Sinnig für die Kids, für mich die Hölle, weil ich in den ersten Minuten nicht in der Lage war, diese drei sprachlichen Informationsebenen zu filtern. Erwachsen sein ist auch nicht immer toll.

"Mutum" ist die Story über einen Jungen im brasilianischen Hinterland, dessen Vater zur Gewalt neigt und dessen Bruder stirbt. Das ist emotional harte Kost, die ich persönlich nicht ab 9 Jahren freigegeben hätte. Zwar wird nichts Heftiges gezeigt, aber gerade das Weggelassene und die Sprachlosigkeit und nicht stattfindende Auseinandersetzung der Figuren mit dem Geschehen lassen zuviele Fragen offen und geben keine Antwortmöglichkeit. Kein Sterben, kein Tod, keine Beerdigung, kein Abschied, kein Ritual, außer dem, das sich der Junge Thiago selbst schafft, als er das Spielzeug seines Bruders begräbt. Dinge passieren ansatzlos und unkommentiert. Außerdem war es mir zu lang (5/10).

Leider nicht so voll besucht war die erstaunliche Dokumentation "Rabbi Firer - A Reason to Question". Der orthodoxe Rabbi betreibt seit mehr als 30 Jahren eine gemeinnützige Organisation, die Menschen (nicht nur Juden) medizinisch berät. Im wesentlichen geht es dabei um lebenswichtige Operationen und den Umgang mit der Schulmedizin. Filmisch ist das eine schlichte, sachliche Doku über den Rabbi als Menschen und Phänomen, aber der Rabbi selbst ist wirklich beeindruckend. Nach wie vor unglaublich, und ich saß eine Stunde staunend und kopfschüttelnd im Kinosessel (7/10).

Da habe ich jahrelang "Emergency Room" und anderen Arztserien verweigert, weil ich keine Spritzen sehen mag und nun bin ich mitten bei einer Herz-OP unter Lokalanästhesie (Hilfe). Zum Glück war's nur eine kurze Szene.

Zuvor wurde noch der israelische Kurzfilm "Pinhas" gezeigt: die Story eines  neunjährigen russischen Immigranten, der gerne dazugehören will und deshalb beschließt gläubig zu werden. Dass er Schweinefleisch isst, stört ihn nicht weiter. Nur leider ist seine alleinerziehende Mutter dagegen. Ohne die zwei bis drei expliziten Szenen (da poppt wer und der Junge bedroht seine Mutter und ihren Lover mit dem Messer - so what) hätte das auch was für's Kinderfestival sein können. Gewinnender Film (7/10).

Der erste Hamburger Tatort "Auf der Sonnenseite" mit dem neuen Ermittlerduo Mehmet Kurtulus und Peter Jordan feierte seine "Weltpremiere" beim Festival und wurde selbstverständlich am Sonntagabend ausgestrahlt. Es gab schon vorher genug Presse zum Film, also kurz: Der neue Komissar ermittelt Undercover und das macht er gut. Für einen Tatort ein ungewöhnliches Konzept mit sehr sympathischem Duo und viel Potential. Überzeugend und ausbaufähig. Der erste Auftritt der Neuen hat alles was ein guter Krimi braucht: gute Story und Lokalkolorit, Witz und Tempo. Im TV wird der Tatort am Sonntag den 26. Oktober 2008 zu sehen sein (7/10).

Finalmente, noch meine Festival-Top 5:

1."Frozen River", 2."Of Time and City", 3."Sunshine Cleaning", 4 "The Visitor", 5."Rabbi Firer";

und die Weisheit des Tages, diesmal vom Regisseur Amit Goren ("Rabbi Firer"), auf die Frage, was sein filmisches Interesse an dem Thema geweckt habe?

Eigentlich habe er überhaupt keinen Bock auf das Thema gehabt, aber gerade diese totale Lustlosigkeit habe ihn misstrauisch gemacht. Jedesmal wenn ihn etwas gar nicht interessiere, hinterfrage er sich, warum das so sei und ob er nicht etwas verpasse?

So entsteht Neugier (...und Neugier tötet die Katze).

bis morgen.





Anzeige: