Fernsicht

Sinn und Unsinn von Synchronisierung

fs @ Donnerstag, 13.03.2008

Neulich schob ich "Borat" in meinen DVD-Player und freute mich auf absurde Unterhaltung, doch unaufmerksam wie ich war, vergaß ich die Spracheinstellung zu wählen. Der Film beginnt und Borat radebrecht in schlecht nachgemachtem Ausländerdeutsch unverständlich vor sich hin. Nicht nur die Synchro nervt,sondern auch die Art und Weise,

[Ansichten am Donnerstag, 13.03.2008]

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wie das halbwegs authentische Chaosenglisch des Sasha Baron Cohen eingedeutscht wurde. Ich weiß schon, was sollen die armen Leute von der Synchroabteilung denn sonst tun? Zeit für ein paar Gedanken zum Thema synchronisierte Filme.

Zugegeben, die Vorzüge einer Synchronisation liegen auf der Hand, wenn einem sprachunkundigen Zielpublikum ein Blockbuster um die Ohren geschleudert werden soll. Untertitel würden das choreographierte Spektakel nur stören und die Zuschauer überfordern. Stattdessen gibt man ihnen die bequeme Variante und spricht alles nochmal in heimischer Mundart neu ein, damit nichts von der Bildgewalt ablenkt. Dass passt schon. Ich gehöre weder zu den Puristen, die das kategorisch ablehnen, noch zu dem sprachmächtigen Mitbürgern, die Fremdsprachen fließend sprechen. Im Normalfall bin ich auch zu faul extra in ein Kino zu latschen, wo Originale gezeigt werden.

Um beim Beispiel Borat zu bleiben: Einen Gutteil des Films blödelt der gute Comedian auf "kasachisch" herum, das wird im Original auch für die Engländer untertitelt, warum also nicht folgerichtig und mit weniger Aufwand auf eine deutschsprachige Variante verzichten, zumal es sich doch um eine "Dokumentation" handelt.

Ein weiteres Negativbeispiel ist die TV-Serie Heroes, deren Original einen comic-haften Charme besitzt, weil Hiro und Ando, die beiden Japaner, miteinander Japanisch reden und die Übersetzung quasi in sprechblasen erfolgt. Unsere Variante verzichtet auf diesen originellen Einfall und übersetzt das Japanische stumpf mit ins Deutsche. Unterschiede werden einfach plattgebügelt. Das muss nicht sein und ist willkürlich. Als Konsument fühle ich mich benachteiligt.

Einen anderer Gesichtspunkt der Thematik führte einst Regisseur Jim Jarmusch ("Ghost Dog", "Coffee andCigarettes") an, der sich weigerte seine Filme synchronisieren zu lassen. Sein Argument war und ist ebenso simpel wie bestechend: Die Stimme ist ein wesentlicher Teil der Schauspielerpersönlichkeit, schließlich suche er seine Besetzung auch nach der Stimme aus. Im Umkehrschluss kann uns Robert Redford auch Versicherungen verkaufen, solange er nicht im Bild erscheint. Seine Synchronstimme macht den subtil aufs Unterbewusstsein zielenden Trick möglich.

Na gut, das alles ist weder neu, noch abschließend zu behandeln. Aber allen, die zuhause DVDs gucken, sei ans Herz gelegt sich zumindest in den Extras einen Eindruck zu verschaffen, was sie an originalsprachlicher Brilianz verpasst haben könnten. Johnny Depp ist dafür ein geeignetes Beispiel. Gerade als Sweeny Todd zum dritten Mal für einen Oskar nominiert. Während ich "Finding Neverland - Wenn Träume fliegen lernen" sah, fragte ich mich schon, was daran oscarreif sein soll, bis ich die Outtakes der DVD gesehen habe. Eigens für den Film hat sich Johnny Depp einen zeitgenössischen, viktorianischen Akzent zugelegt. Um Depp als Schauspieler wirklich würdigen zu können, sollte man sowas wissen.

Erinnert jemand "Das geheime Fenster - The Secret Window"(2004), eine mäßig gelungene Stephen King Verfilmung mit Johnny Depp und John Tuturro? Typisch Stephen King, mäßige Story. Aber die beiden Hauptdarsteller und ihr Umgang mit der Sprache sind brilliant, kein Wunder also, dass die eingedeutschte Version noch lahmer wirkt. In dem Film gibt es eine Szene, eine Schlüsselszene, in der Johnny Depp in den vier Ecken seines Zimmers steht und mit sich selbst redet, jedesmal antwortet er sich in dem Tonfall eines anderen berühmten Schauspielerkollegen. Grandios! Von John Tuturro ("O Brother, Where art Thou", "Mr. Deeds") mal ganz zu schweigen.

Sehen Sie, das hätten sie jetzt verpasst.

Viel Spaß im Kino.





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