Kino-Trend

Sound it out: Die letzten ihrer Art

fs @ Donnerstag, 10.05.2012

Eine Dokumentation über einen Plattenladen verspricht oberflächlich betrachtet, eine nerdige Angelegenheit zu werden. Und der Reiz physischer Tonträger scheint im Zeitalter von mp3 immer weiter zu verschwinden. Dennoch, oder gerade deshalb, ist „Sound it out – The Very Last Record shop“ mehr als nur eine Verbeugung vor dem Vinyl.

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Der Nordosten Englands gehört zu den vergessenen Regionen des Landes. Hier in Teeside hat der längst vergangene Boom der Schwerindustrie vor allem eine ausblutende Region hinterlassen. Hohe Arbeitslosenquoten und verödende Innenstädte, heruntergekommene Stadtteile mit verblassender Lebensqualität sind die Folge. Nicht wenige, gerade junge Menschen wandern ab und suchen andernorts ihr Glück.

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Ein Umfeld, in dem Musik nicht gerade das Hauptaugenmerk der Menschen ist. In Stockton-on-Teeside existiert seit mehreren Jahrzehnten ein unabhängiger Plattenladen, der inzwischen zum einzigen in der Region geworden ist: Sound it Out. Der Shop von Tom Butchard beherbergt nicht nur etliche zehntausende von Vinylscheiben, sondern auch CDs, Poster und alles was der Fan so braucht. Für Außenstehende mag es unglaublich scheinen, aber in dem scheinbaren Chaos hat Tom jederzeit den Überblick. Selten braucht er lange, um die Anfragen seiner Kunden zu beantworten. Überhaupt: die Kundschaft. Selbstverständlich ist „Sound it Out“ ein Sammelplatz für Musiknerds und Sammler aller Couleur, aber es gibt auch Laufkundschaft.

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Tom Butchard entpuppt sich im Verlauf des Films nicht nur als genialer Musikverwalter mit enzyklopädischem Wissen, sondern auch als Zeitzeuge und analytischer Beobachter der Strukturentwicklung in der Region. Für die Doku ist das ein absoluter Glücksfall. Und so kommt der Film auch über das innere des Plattenladens hinaus und lässt die Vinylsammler ihre Kollektion präsentieren, von ihrem Leben berichten und gibt auch Einblicke in die regionale Techno und DJ-Szene.

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Regisseurin Jeanie Finlay wuchs in der Nähe von Stockton auf und portraitiert mit ihrer Doku nicht nur den Mikrokosmos von Musikbegeisterten und Sammlern, sondern zeigt den Plattenladen auch als letzten kulturellen Rückzugsort in einer gebeutelten Stadt, als letzte Institution, in der sich so etwas wie Subkultur erhalten kann.

Kein Wunder also, das „Sound it out“ der offizielle Film zum internationalen Record Store Day 2011 war und bei seiner Deutschlandpremiere auf dem Filmfest Hamburg im vergangenen Herbst nicht nur im Kino gezeigt wurde, sondern auch da wo er hingehört: Im Plattenladen.

Fazit: Mit ihrer Dokumentation „Sound it Out“ gelingt Regisseurin Jeanie Finlay ein wunderbares, einfühlsames und keineswegs nostalgisches Portrait einer kulturellen Institution, die dabei ist, zu verblassen. Der unabhängige Plattenladen in der Nachbarschaft ist eine aussterbende Spezies. Wer sich nicht selbst für das Sammeln von Musik begeistern kann, wird an dem Film vielleicht wenig Besonderes finden, alle anderen werden sich selbst erkennen und staunen.




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